MATERIALIEN


» Produktion von Keramikgefäßen im Spätmittelalter

Verlust und Wiederaufkommen der Töpferscheibe
Ab ca. 1200 setzt sich im Alttiroler Raum wieder die Töpferscheibe zur Herstellung der Keramik durch. Das Verschwinden der Töpferscheibe in der Völkerwanderungszeit und der damit verbundene Übergang zu handaufgebauter Ware im Alpenraum, hängt nicht, wie oft vermutet, mit einem Niedergang handwerklicher Fähigkeiten zusammen, sondern hat seine Gründe höchstwahrscheinlich im wirtschaftlichen Zusammenbruch der spätantiken Welt in Folge des für diesen Raum verheerenden Gotenkrieges (ca. 530 – 555). Der Einbruch des römischen Handels- und Marktsystems zwang die Töpfer vermutlich zu einem Wanderhändlertum, durch welches sie von Siedlung zu Siedlung zogen und die Gefäße vor Ort fertigten und in eigens angelegten Grubenöfen brannten. Auf diesen Wanderschaften war eine Töpferscheibe natürlich hinderlich, so dass sie außer Gebrauch kam.

In den Gegenden nördlich und südlich des Alpenraumes kam scheibengedrehte Keramik dann bereits im Hochmittelalter wieder in Gebrauch, während im inneralpinen Gebiet der Übergang von der handaufgebauten und mit ein einem flächendeckenden Kammstrich versehenen Ware zu scheibengedrehten Töpfen frühestens um 1200 angesetzt werden kann. Im Verlauf der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts dürfte sich dann die Drehscheibenware überall durchgesetzt haben. Damit zusammenhängend endete wohl auch die Produktion von gedrehten Gefäßen aus Speckstein.

Der Aufschwung der Städte und Märkte im Alttiroler Raum im Verlauf des 13. Jahrhunderts bewirkte, dass die Kunden zu den auf den Märkten angebotenen Waren kamen und nicht, wie bisher, die Waren durch Wanderhandwerker und Wanderhändler auf die Burgen und in die verstreuten Dörfer und Weiler.
So finden sich aus dem Spätmittelalter, insbesondere durch die erhaltenen Rechnungsbücher, zahlreiche Belege, dass selbst Adelige sich etwa mit Töpfen und Tuchen auf den Jahrmärken in den Städten versorgten.
Daneben blieb das Wanderhandwerk für gewisse Sparten, etwa dem Schusterhandwerk, nach wie vor von Bedeutung.

 

Artefakte aus Knochen und Geweih
Knochen, Geweih und Horn sind im Mittelalter und in der Neuzeit bis zum Aufkommen des synthetischen Kunststoffs im 19. Jh. ein preiswerter und stets verfügbarer Rohstoff, der zu vielen verschiedenen Artefakten verarbeitet wurde. Insbesondere Knochen ist leicht schleif-, säg- und schnitzbar und verfügt dabei über die ausreichende Druck- und Zugfestigkeit, um zu Kämmen, Griffschalen, Nadeln, Beschlägen, Spielgeräten, Ringen, Löffeln, Perlen, Spinnwirteln, Knöpfen, Werkzeugen und Kleinkunstwerken verarbeitet zu werden. Sogar Trachtbestandteile wie Gürtelschnallen und Riemenzungen wurden fallweise aus Knochen hergestellt.Würfel

Kleine flache Ringe gehören zu sogenannten Paternosterringen. Derartige Paternosterringe oder -perlen wurden an Schnüren aufgefädelt und können als Vorläufer des Rosenkranzes bezeichnet werden. Die festgesetzte Anzahl der Perlen ermöglichte ein Abzählen der sich wiederholenden Gebetsabschnitte beim Rosenkranz. Der Name „Paternoster“ bedeutet „Vater unser“ und bezieht sich auf das Gebet am Beginn und am Ende des Rosenkranzes. Diese Form von Gebetskette wird noch heute im Pustertal „Patter“ und im Vinschgau „Nuster“ genannt. Beide Begriffe leiten sich vom „Paternoster“ ab. Seit dem 14. Jahrhundert treten derartige Gebetsschnüre in Erscheinung. Vergleiche finden sich aus Kirchen wie St. Blasius in Truden, Maria Trost in Untermais und St. Laurentius in Kortsch, in Städten wie Hall und Bozen Lauben 60 und auf Burgen wie Schloss Bruck, der Ruine Greifenstein und Schloss Tirol. Der Paternoster als religiöser Gegenstand tritt also nicht nur in Kirchen, sondern auch in Siedlungsarealen auf.
Knöcherne Würfel bilden in spätmittelalterlichen Fundzusammenhängen keine Besonderheit. Sie weisen meist eine kubische Form auf. Die Würfelaugen wurden mittels eines Bohrers in die Oberfläche eingearbeitet. Ein Bohrgerät für große Kreisaugen konnte in der Burgruine Rabenstein in Virgen / Osttirol gefunden werden.
Neben den Spielsteinen sind Würfel im Spätmittelalter weit verbreitet und innerhalb der archäologischen Fundkomplexe besonders häufig. Ihre bescheidenden Dimensionen, mit 4-9 mm Seitenlänge sind sie geradezu unscheinbar, führen dazu, dass sie auf Ausgrabungen gerne übersehen werden. Würfel sind von der Burgruine Liechtenstein (Peterköfele) bei Leifers, aus dem Stadtkern von Hall i. T., dem Thurnerhof in Unterlangkampfen sowie von den Burgruinen Herrenhauswand, Erpfenstein, Hörtenberg und Flaschberg bekannt. Den zahlenmäßigen „Rekord“ an Würfelfunden halten Schloß Tirol mit weit über einhundert und das Laubenhaus Nr. 60 in Bozen mit 165 Stück. Sie kamen im Zuge der Grabungen von Hans Nothdurfter, und den jüngsten Forschungen des Institutes für Archäologien der Universität Innsbruck ans Tageslicht. Dabei gelang auch der Nachweis einer Herstellung vor Ort über entsprechende, vierkantige Knochenstäbe als Halbfabrikate.
WürfelDie überwiegende Anzahl der Würfel hat eine kubische Form. Sonderformen polygonaler und rhombischer Würfel finden sich aus dem Stadtkern von Bozen und der Burg Hörtenberg bei Pfaffenhofen in Nordtirol.
Neben dem gängigen Material Knochen sind diese Spielgeräte aus anderen, organischen oder edleren Materialien wie Silber, Bergkristall sowie Bronze große Raritäten.
Würfel werfen ein Licht auf die Freizeit- und Spielgewohnheiten der Menschen im Mittelalter und der Neuzeit. Wie Schachfiguren, Spielsteine, -marken und -karten dienen auch Würfel der geselligen Unterhaltung. Sie finden sich dementsprechend im archäologischen Fundgut in Burgen und Stadthäusern, können aber auch, wie im Fall der Kirchen St. Alban in Matrei in Osttirol und St. Blasius in Truden, in einem Sakralbau auftreten.